Bildungsstreik in Chile

Interview mit Camila Vallejo, Sprecherin der Protestbewegung, in der Zeitung El Tiempo

Seit Mai diesen Jahres protestieren Schüler/innen und Studierende, Lehrer/innen und Dozent/innen in Chile gegen die neoliberale Politik und für ein sozial gerechtes Bildungswesen. Die neoliberale Politik wurde in Lateinamerika in den 1980ern und 90ern eingeführt  – und hat die soziale Lage vieler Menschen verschlimmert. In Chile führte das Militärregime unter Pinochet neoliberale Reformen ein, die das Land zunächst einen „Wirtschaftsaufschwung“ erleben ließen, welcher jedoch mit Gewalt durchgesetzt war und auch nicht lange anhielt. Aus dieser Erfahrung heraus – und aufgrund der offensichtlichen Probleme – bildet sich auch heute Widerstand.

Seit Jahren schon gibt es immer wieder Studierendenproteste gegen das ungerechte „Klassen“-Bildungssystem, das von einer Mehrzahl von privaten Schulen dominiert wird, welche als oberstes Ziel die Gewinnmaximierung sehen. Durch die Privatisierung wird das Leben insgesamt immer teurer – die meisten jungen Menschen müssen bei ihren Eltern wohnen, die oftmals mehrere Jobs haben, um ihren Kindern die Ausbildung zu finanzieren. Über die Hälfte der Studierenden aus den „unteren“ Gesellschaftsschichten brechen ihr Studium ab, da sie es nicht mehr bezahlen können!

Da wundert es nicht, wenn der Großteil der chilenischen Bevölkerung hinter den Forderungen der Studierenden steht: nach einem öffentlichen, guten und kostenlosen Bildungssystem ohne Profit als oberstem Ziel. Das sieht die rechte Regierung Piñera anders: Für den Präsidenten ist Bildung ein Konsumgut (https://www.cooperativa.cl/presidente-pinera-la-educacion-es-un-bien-de-consumo/prontus_nots/2011-07-19/134829.html). Die Reaktion der Regierung besteht in Diskreditierung und Polizeigewalt gegen die Proteste, die nicht nur in Demonstrationen, sondern auch in der Besetzung von Colegios und Universitäten und sogar einem Hungerstreik bestehen.

Camila Vallejo, Sprecherin der Bewegung erklärt in einem Interview mit der Zeitung „El Tiempo“ die Gründe für die Proteste, und warum sie sich explizit gegen das Prinzip der Gewinnmaximierung (Profitdenken) richtet: Dadurch dass es keine Regulierung durch den Staat gebe, bereichern sich die privaten Bildungsinstitutionen zuerst auf Kosten der Familien, und dann gebe es viele ausgebildete, aber hoch verschuldete, Abgänger. „Denn in diesem System bereichern sich (…) auch die Banken: es gibt Familien, die sich bis zu 20 Jahren verschulden, um ihren Kindern eine Ausbildung zu finanzieren (…). Außerdem hat die Annahme, Bildung sei nicht ein Recht und eine soziale Investition, sondern ein Konsumgut und eine private Investition, um soziale Mobilität zu erlangen, die Folge, dass die soziale Ungleichheit erhalten bleibt. Denn alles hängt davon ab, wieviel Geld die Familie zur Verfügung hat.“

Auf die Frage, ob es nicht utopisch sei, in einem lateinamerikanischen Land ein kostenloses Bildungssystem zu fordern, antwortet Camila: „Nein, wir glauben, es ist möglich, über eine Steuerreform, welche ihre Einnahmen aus den großen Unternehmen bezieht, v.a. aus den Bergwerksunternehmen, von denen 70% privatisiert sind und die große Gewinne aus ihren Operationen im Land erzielen. Selbst aus nur einer dieser Minen, wie etwa der Kupfermine „La Escondida“ könnte die gesamte Bildung im Land finanziert werden: Dozenten, Forschung, Studienplätze, etc. Die Mittel existieren, der Staat muss nur noch lernen, wie er sie eintreiben kann. Um die Ungleichheit zu bekämpfen, braucht Chile strukturelle Reformen.“

(„Keine weitere Repression“ fordert eine Schülerin)

Zur Reaktion der Regierung kommentiert Camila, dass die Gewalt gegen friedliche Demonstranten groß sei und dass mit allen Mitteln versucht werde, die Proteste als illegitim darzustellen, indem auf „gewalttätige“ Demonstranten verwiesen werde, die jedoch zum Teil verkleidete Polizisten seien. (Übersetzung aus dem Spanischen von Menja; das Interview ist vom 13.08. 2011, https://www.eltiempo.com/mundo/latinoamerica/ARTICULO-WEB-NEW_NOTA_INTERIOR-10151772.html. Die Fotos sind von der spanischen Wikipedia-Seite zu den Protesten.)

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