Beschlüsse
Sonntag, 25. Oktober 2009
Beschluss des Bundesausschuss der SJD - Die Falken vom 02.-04.10.2009 in Werftpuhl bei Berlin
Wir wollen das ganze Leben!
Anders als vielfach in Politik und Medien behauptet, erleben wir momentan nicht die erste wirkliche globale Krise des Kapitalismus. Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise ist ein weiterer Beleg für die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus und Folge des Denkfehlers, zu erwarten, dass durch die Profite oben Wachstum und damit Ressourcen für die Verteilung nach unten entstehen. Trotz rasanter wirtschaftlicher Entwicklungen, Produktionsfortschritten und steigenden Bruttoinlandsprodukten hat sich die Schere zwischen Arm und Reich, auch zwischen sog. erster und dritter Welt, vergrößert. Das Anwachsen des Reichtums einiger weniger ging vor allem auf Kosten der Mehrheit der Menschen.
Unsichere Arbeitsverhältnisse, offensives Lohndumping, Zunahme der Kinderarmut und die Nichtachtung der ökologischen Nachhaltigkeit sind konkrete Auswirkungen der Krise weltweit. Weltweit werden Veränderungen im gesellschaftlichen Zusammenleben unter den Stichworten unsichere Lebensverhältnisse, Flexibilisierung der Lebensgestaltung und einer massiven Individualisierung der Menschen beschrieben.
In Deutschland wurde in den vergangenen Jahrzehnten alles der Erhöhung der Profite untergeordnet. Es folgte eine entsprechende Deregulierungspolitik mit Privatisierung vieler öffentlicher Güter und Dienstleistungen. Die Lebensqualität der Menschen hat dadurch weder materiell noch immateriell zugenommen, auch wenn uns das häufig versprochen worden ist.
Die Folgen der gegenwärtigen Krise lassen sich im Moment noch nicht in Gänze absehen. Zuerst hat es im vollen Umfang die ungeschützten Arbeitsverhältnisse wie z.B. Leiharbeiter getroffen, die mittlerweile auch in vielen großen Unternehmen zu finden sind. Dazu gehört aber auch der unmittelbare Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit, besonders beim Übergang ins Berufsleben. Bereiche der Dienstleistungserbringung und Logistik reagieren unmittelbar auf den Rückgang der Aufträge. Auch der langfristige Erfolg oder Nicht-Erfolg der umfangreichen Förderung der Kurzarbeit lässt sich noch nicht absehen. Denn für die produzierten Güter braucht es auch AbnehmerInnen, diese arbeiten aber kürzer, verdienen weniger Geld oder sind erwerbslos.
Die Sozialdemokratie in der Krise
Dies alles ist keine zufällige oder „gottgewollte“ Entwicklung und ist auch nicht primär auf das Versagen oder die ungezügelte Gier von einzelnen ManagerInnen zurück zu führen. Krisen gehören zum Kapitalismus wie der Apfel zum Apfelstrudel und kein/e UnternehmerIn verzichtet freiwillig auf ihre/seine Gewinne. Die starken Auswirkungen der Krise sind Folgen einer falschen Politik. Die rot-grüne Politik, die 1998 mit dem Versprechen der Erneuerung und der Absicht, es besser machen zu wollen, gestartet ist, hat die Umverteilung der gesellschaftlichen Ressourcen von unten nach oben gefördert. Eine verfehlte Unternehmenssteuerreform und die Reduzierung des Spitzensteuersatzes sind bei schwindenden Staatseinnahmen weiter unverständlich. Die sozialpolitische Hinwendung zum Prinzip Fordern und weniger zum Fördern, beschreibt eine Haltung, die das Klima einer entsolidarisierten Gesellschaft massiv vorantreibt. Das ausgeklügelte Disziplinierungssystem, insbesondere gegenüber jungen arbeitslosen Menschen, steht exemplarisch für die harte sozialpolitische Gangart, in der gesellschaftliche Probleme wie Arbeitslosigkeit als alleinige Verantwortung des Einzelnen dargestellt werden. Nicht erst seit den einschneidenden Veränderungen durch die sogenannten Hartz-Gesetze sind in den letzten Jahrzehnten die Parameter der öffentlichen Verantwortung und einer gerechten Gesellschaft verschoben worden. Häufig werden die Wurzeln der Probleme nur oberflächlich benannt und weiterhin wird schnell der Fokus auf „alternativlose“ Maßnahmen gelenkt, die helfen sollen, das System zu reparieren. Denn zu den Folgen der Krise gehört nun ein Staat, der einzelne Banken und Betriebe mit viel Geld und Bürgschaften rettet und sich dafür in einem hohen Maße auf lange Zeit verschuldet hat. Junge Menschen sind in besonderer Weise von den Folgen der Krise betroffen. Denn hinter der Arbeitslosigkeit steht die Frage, ob das Einkommen der Haushalte reicht, um Kindern und Jugendlichen ein sicheres Aufwachsen in dieser Gesellschaft zu ermöglichen. Für viele junge Menschen stellt sich die Frage, ob sie nach der Ausbildung oder dem Studium noch einen Einstieg in den Beruf finden werden und unter welchen Bedingungen sie arbeiten müssen. Die Folge ist unter anderem die voranschreitende Abnahme der Möglichkeiten zur Mit- und Selbstbestimmung.
Gerade vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert mit welcher gesellschaftlichen Akzeptanz die Folgen der Krise verhandelt werden. Entsprechend wird die Frage nach der Legitimität der Umverteilung von gesellschaftlichen Ressourcen nach oben in der Öffentlichkeit kaum ernsthaft gestellt.
Ein Ergebnis dieser verfehlten Politik ist auch das schlechte Abschneiden der SPD bei den Bundestagswahlen Ende September 2009. Gut 10 Mio. SPD-WählerInnen haben (im Vergleich zu 1998) nicht die SPD gewählt. Der Verlust der Glaubwürdigkeit der SPD ist vernichtend. Der Blick auf die Wahlergebnisse zeigt auch, dass Politik, die häufig in pragmatischen Sonntagsreden das Gegenteil von dem predigt, was sie in politischer Verantwortung umsetzt, nicht glaubwürdig ist. Beispiele dafür sind die Entscheidungen zur Bahnprivatisierung, der Nicht-Regulierung der Finanzmärkte oder gar die legale Absetzbarkeit von Spekulationsverlusten.
Gerade in den nächsten Jahren ist der Anspruch an einen politischen Gestaltungswillen für mehr soziale Gerechtigkeit für viele Menschen entscheidend. Deshalb unterstützen wir Falken alle Kräfte in der Sozialdemokratie, die die Partei wieder an den Prinzipien des demokratischen Sozialismus orientieren wollen. Dies muss einhergehen, mit einer strategischen Neuausrichtung der Partei.
Gleichzeitig ist aber auch festzustellen, dass ein relevanter Teil der WählerInnen die Krise mit Konzepten eines „weiter so“ beheben wollte. Protestlos wird über die Erhöhung von Verbrauchsteuern unterschiedlichster Art spekuliert. Die Folgen solcher Konzepte wären brutal. Diese Einwürfe zeigen nur, dass auch in einer Zeit, in der Märkte zusammengebrochen sind, die Deutungshoheit der marktradikalen Ideologie nicht in der Krise steckt. Die Ergebnisse der Bundestagswahl zeigen wie erfolgreich eine Partei ist, die sich offenkundig dieser Radikalität verbunden fühlt und weitere Deregulierung predigt.
Aber wir wollen das ganze Leben!
Über Jahrzehnte hinweg wurde argumentiert, dass es keine Möglichkeit gebe, die soziale Infrastruktur zu erhalten, dass wir alle den „Gürtel enger schnallen“ müssten. Nun haben wir erlebt, dass für die Bankenrettung binnen kurzer Zeit große Mengen an Geld zur Verfügung gestellt werden konnten. Als Ergebnis stehen einmal mehr privatisierte Profite und vergesellschaftete Verluste. Aber sehr bald wird der einhellige Chor aus Regierung und Wirtschaft wieder das Parkett betreten und die hohe Verschuldung des Staates als Begründung für den Umbau der Gesellschaft nutzen. Selbst wenn nicht sofort ein radikaler Kahlschlag beginnt, wird durch das Drehen an kleinen Stellschrauben die Veränderung der Gesellschaft vorangetrieben werden. Der Ausbau von unsicheren Arbeitsverhältnissen, gepaart mit dem weiteren Abbau der ehemals armutsfesten Sicherungssysteme, hat bereits zur Zunahme von unsicheren Lebens- und Arbeitsverhältnissen geführt und wird unter den neuen Vorzeichen weiter voranschreiten. Diese Entwicklung ist bereits an der rasant zunehmenden Kinderarmut zu erkennen. Immer mehr Menschen sind auf Institutionen wie „Tafeln“ zur Verteilung von Essen oder „Secondhandkaufhäusern“ von Wohlfahrtsverbänden angewiesen oder müssen die Stadtviertel, in denen sie wohnen, verlassen, weil sie sich ihre Wohnungen nicht leisten können. Darüber hinaus entsteht eine öffentliche Diskussion um die Gestaltung der Innenstädte und die Zusammensetzung ihrer BewohnerInnen, ein Prozess den wir Gentrifizierung nennen. All dies sind Zeichen, dass die gegenwärtigen Instrumente zur Verwirklichung einer sozialen Gerechtigkeit ins Wanken geraten.
Reichtum und Chancen sind im Kapitalismus nie gerecht verteilt, weder in der sog. „Boomzeit“ noch in Krisenzeiten. Wir setzen uns deshalb für eine gerechte Gesellschaft ein, in der nicht Einzelne Reichtum anhäufen und die Verluste einzelner Unternehmen auf alle verteilt werden. Vielmehr muss der gesellschaftliche Reichtum allen nützen und zur Verfügung stehen.
Die Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken fordert:
- Die Folgen der Krise dürfen nicht die Schwachen in der Gesellschaft treffen. Investiert in Bildung und sicheres Aufwachsen von jungen Menschen!
- Die Erwartungen an ein unbegrenztes wirtschaftliches Wachstum müssen gesellschaftlich durchbrochen werden. Das Streben nach Profitmaximierung ist keine fruchtbare und nachhaltige Antriebsfeder von Entwicklung und dient nicht dem Menschen. Deshalb streiten wir für eine bedürfnisorientierte Wirtschaft und ein solidarisches Gesellschaftssystem. Dazu gehört der offensive Ausbau einer ökologischen und sozialen Gesellschaft, in der international gelebte Solidarität den Marktradikalismus bricht.
- Gesellschaftliche Ressourcen müssen von oben nach unten umverteilt werden: Politik muss die Menschen wieder in den Mittelpunkt ihrer Entscheidungen stellen, soziale Sicherheit und gute Arbeit für alle ermöglichen. Politik muss soziale Gerechtigkeit, Mitbestimmung und Perspektiven garantieren und das Recht auf ein gutes, selbstbestimmtes Leben zu ihrem Maßstab machen. Wir fordern als erste konkrete Schritte die Einführung eines ausreichenden gesetzlichen Mindestlohns, einen besseren Kündigungsschutz, mehr Mitbestimmung am Arbeitsplatz und gleichen Lohn für gleiche Arbeit!
- Wir wollen mehr Mitbestimmung: Egal ob in Schule und Ausbildung, bei der Arbeit und Freizeitgestaltung oder in der Familie. Eine Gesellschaft, die sich demokratisch nennt, muss sich nicht nur daran messen lassen, wie viele Menschen sie an Entscheidungen beteiligt, sondern auch welche Gruppen von Menschen beteiligt sind. Das beginnt für uns bei der nachhaltigen Beteiligung von jungen Menschen an den gesellschaftlichen Entscheidungen, endet aber noch lange nicht dort. Nicht allen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ist der Zugang zu Methoden und Orten der Mitbestimmung in gleichem Maße möglich. Demokratisierung heißt Freiräume schaffen für Aushandlungsprozesse, für ein solidarisches Miteinander, für mehr Selbstbestimmung und damit das Teilen von Gestaltungsmacht.
Dass unsere Forderungen falsch und überzogen seien, werden wir in den nächsten Jahren noch oft genug hören. Doch wir lassen uns nicht kaltstellen. Trotz und gerade wegen der bevorstehenden konservativ-liberalen Koalition müssen wir die Situation analysieren, unsere Forderungen formulieren. Dazu wird auch unsere Kampagne „Die Gruppe macht´s!“ einen wichtigen Beitrag leisten.
Dienstag, 18. November 2008
Beschlüsse der ordentlichen Bezirkskonferenz vom 31.10. - 02.11.2008 in Barsinghausen
m Folgenden sind die beschlossenen Anträge der BK nach zu lesen! In den nächsten zwei Jahren wollen wir dafür sorgen diese Positionen laut und entschlossen nach Außen zu tragen. Für eine sozialistische Alternative zu den herrschenden Verhältnissen und für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen! Und bei der nächsten Konferenz kann Mensch den Vorstand an seine Aufgaben erinnern! Viel Spaß beim lesen...
Dienstag, 18. November 2008
Aufstehen und widersetzen!
Die SJD - Die Falken werden sich an einem möglichst breiten Bündnis mit dem DGB beteiligen, um den angemeldeten Aufmarsch der Kameradschaften, freien Nationalisten und NPD’ler am 01. Mai 2009 zu verhindern.
Antifaschismus ist mehr als schwarze Pullis tragen!
Mit ihren Aufmärschen versuchen die Nazis, sich in den Alltag der Menschen zu bringen. Nazis und deren Aufmärsche, deren Parolen und deren Gewalttaten sollen alltäglich werden. Die Menschen sollen aufhören aufzubegehren und die Nazis langsam als Teil der bürgerlichen Gesellschaft akzeptieren. Insbesondere junge Menschen sollen durch Veranstaltungen mit „Event“-Charakter für die Nazi-Organisationen gewonnen werden. Rechte Gewalt ist vielerorts schon alltäglich geworden. Dagegen helfen keine schwarzen Pullis. Wir müssen als uns als Falken den Nazis in den Weg stellen. Zum einen in einem breiten Bündnis tatsächlich körperlich, zum anderen aber auch durch unsere alltägliche Arbeit. Wir bieten jungen Menschen eine Identität, die auf Freiheit und Selbstbestimmung basiert, nicht auf Befehl und Gehorsam. Wir bilden uns und lassen uns nicht von Führern die Welt erklären. Wir setzten auf Freundschaft und Solidarität, nicht auf Volksgemeinschaft und Gewalt. Das mag oft der beschwerlichere Weg sein, weil er auf einfache Erklärungen verzichtet und weil er ständige Reflexion verlangt. Doch am Ende ist er für uns alternativlos.
Sozialismus oder Barbarei!
Wichtig ist es, beim Kampf gegen die Nazis nicht aus falsch verstandenem politischem Wahrheitsanspruch Bündnisse mit Gewerkschaften, Bürgerinitiativen und soziademokratischen Parteien nicht einzugehen, weil wir deren Politik und Inhalte oft kritisieren und sie nicht für „sozialistisch“ halten. Wir müssen erkennen, dass die bürgerliche Gesellschaft neben dem Sozialismus noch andere Auswege kennt – Faschismus, Krieg, Vernichtung, Untergang. Dagegen gilt es sich zu wehren, und zwar mit den Kolleginnen und Kollegen der Gewerkschaften und anderen gesellschaftlichen Gruppen, die diesen nahe stehen.
Der SJ-Ring des Bez. Hannover wird beauftragt, Möglichkeiten zu schaffen, Falken aus dem gesamten Bundesgebiet am 01. Mai 2009 nach Hannover zu mobilisieren, um die Nazis gemeinsam zu stoppen!
Dienstag, 18. November 2008
Kriterien der Kooperation mit Schulen
Um die Kooperation mit Schulen für die Falken so zu gestalten, dass der Verband davon einen Vorteil hat, muss die Kooperation bestimmten Kriterien entsprechen. Es muss ausgeschlossen werden, dass die Falken sich instrumentalisieren lassen und zum Handlanger der Schulen werden. Wir kooperieren nicht mit Schulen, um deren Ganztagesversorgung zu garantieren und lassen uns nicht in Schulzwänge integrieren. Wir bestehen auf einer maximalen Eigenständigkeit der Ausgestaltung der Inhalte der AG oder des Projektes. Dazu gehört die Einhaltung unseres Grundsatzes der Freiwilligkeit, d.h. die SchülerInnen und Schüler dürfen nicht zur Teilnahme an einer Falkenaktivität gezwungen werden, geschweige denn darf die Teilnahme bewertet werden. Wir gestalten unsere Angebote partizipatorisch und beziehen die Kinder und vor allem Jugendlichen auch in die Ausgestaltung der Rahmenbedingungen mit ein; wir legen beispielsweise Ort und Zeit einer AG mit den Jugendlichen zusammen fest.
Der Sinn einer solchen Kooperation liegt für uns in der Verbandswerbung. Dies beinhaltet zum einen eine Steigerung des Bekanntheitsgrades und zum zweiten die Intention, SchülerInnen in den Verband zu integrieren und zu mobilisieren.
Der Bezirksvorstand wird beauftragt, ein Konzept zur nachhaltigen Verbandswerbung in Form von niedrigschwelligen Veranstaltungen im Anschluss an die Kooperation zu erarbeiten. Darüber hinaus soll es eine verbesserte Präsentation und einen Austausch über laufende und abgeschlossene Projekte und Aktivitäten im Verband auf der Homepage geben, um Interessierten einen Einstieg in die Verbandsaktivitäten zu erleichtern.
Ein Rahmenvertrag für Kooperationen mit Schulen soll entsprechend dieses Antrages ausgearbeitet werden, um unsere Verhandlungsposition zu verbessern.
Als Grundlage für Kooperationen muss gleichzeitig eine Positionierung des Verbandes zur Schulpolitik erfolgen und nach außen getragen werden.
Bei der Umsetzung dieser Forderungen soll der Bezirksvorstand von einem zu gründenden Arbeitskreis Schule unterstützt werden.
Dienstag, 18. November 2008
Altersangemessene Bildungsarbeit bei den Falken
Die SJD – Die Falken ist ein Kinder-, Jugend- und Erziehungsverband. Der Begriff „Bildung“ taucht in diesem Zusammenhang nicht auf. Jedenfalls nicht, wenn man den Begriff Erziehung im klassischen deutschen Wortsinn denkt. Das Englische kennt für Erziehung und Bildung zusammen den Begriff „Education“. Dieser Antrag soll die Rolle und den Sinn von Bildungsarbeit bei den Falken beleuchten – Bildung dabei verstanden im Sinne von Education.
Bildung bei den Falken hat nichts mit Schule zu tun. Sie ist ein Prozess, der im Wesentlichen von den Beteiligten selbst gestaltet wird, um sich und andere zu bilden. Dadurch hebt sich Bildungsarbeit bei den Falken von der autoritären Schule ab.
Funktionen von Bildungsarbeit
• Qualifikation
Der offensichtliche Sinn von Bildungsarbeit ist es, etwas zu lernen. Der offensichtliche Sinn darin, etwas Konkretes zu lernen, ist, es hinterher zu können. Verbessert man im Rahmen einer internationalen Begegnung sein Englisch, kann man es hinterher auch in anderen Zusammenhängen besser anwenden. In einem Layoutseminar lernt man, Flyer und Broschüren zu layouten, lernt aber auch, wie man Fach- oder Hausarbeiten richtig formatiert. Als Qualifikation bezeichnet man alle Bildungsprozesse, die einem Wissen an die Hand geben, das einem an verschiedenen Stellen nützlich ist.
• Empowerment
Mit Bildungsprozessen Empowerment betreiben bedeutet, Erfolgserlebnisse zu schaffen. Erfährt ein/e Jugendliche/r im Hochseilgarten, dass sie/er Aufgaben bewältigt, die ihr/ihm vom Boden aus unmöglich erschienen, erkennt sie/er ihr/sein eigenes Potential. Ein gesteigertes Selbstbewusstsein führt zu einem höheren Grad an Autonomie und Selbstbestimmtheit.
• Werteerziehung
Ziel von Bildungsprozessen kann es sein, die Wertvorstellungen von Menschen zu entwickeln. Im Zeltlager gelebte Solidarität erzieht Kinder und Jugendliche zu einem solidarischen Umgang miteinander. Ein/e Helfer/in, die/der im Zeltlager ihre/seine Helferrolle bewusst einnimmt, erzieht die Kinder und Jugendlichen dazu, Dinge selbst zu versuchen – eigenverantwortlich zu handeln. Sie/Er fördert die Selbstständigkeit. Das Wesen von Menschen wird durch langfristige Bildungsprozesse geformt und entwickelt.
• Bewusstseinsbildung
Über die Aufnahme von Wissen und das Sammeln von Erfahrungen und Werten hinaus, bedeutet Bewusstseinsbildung die Reflektion dieser Erfahrungen – Reflektion und Begreifen der eigenen Umwelt und des Verhaltens. Nur dadurch kann sich eine kritische und autonome Persönlichkeit herausbilden.
• Mehr werden
Bildungsangebote der Falken sind attraktiv – oder sollten es zumindest sein. Orientieren sich die Angebote an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen, werden Teilnehmer/innen wiederkommen. Transportiert man neben den Inhalten auch immer den „Geist der Falken“, also einen partizipativen und solidarischen Umgang, findet über Bildungsangebote eine Identifikation mit dem Verband statt. Auch, wenn die ursprüngliche Motivation für die Teilnahme vielleicht war, dass man Kanu fahren oder Flyer layouten lernen wollte.
Formate der Bildungsarbeit
• Seminare
Das Seminar ist die klassische Form der Bildungsarbeit. Kinder und Jugendliche, die an einem Thema interessiert sind, treffen sich mit einer/m Referent/in und arbeiten dazu einen oder mehrere Tage. Oft betonen Seminare den Qualifikationsaspekt von Bildung. Als isolierte Maßnahmen sind sie für einen Erstkontakt zum Verband geeignet, schaffen aber keine langfristige Identifikation.
• Arbeitskreise
Der Arbeitskreis ist eine (oft) selbstorganisierte, verstetigte Form der Seminararbeit. In den internationalen Arbeitskreisen geht es um eine inhaltliche Vorbereitung der IBs (Qualifikationsaspekt). Genau, wie im Gender-AK, findet in den internationalen AKs eine Bewusstseinsbildung statt, durch die kontinuierliche Beschäftigung mit gesellschaftspolitischen Themen. Es gibt Jugendliche, deren Bindung zu den Falken über einen Arbeitskreis stattfindet (Mehr-werden-Aspekt).
• Zeltlager/Internationale Begegnungen
Zeltlager und internationale Begegnungen sind sehr intensive Einzelerfahrungen. Tritt man in Israel gegenüber Hashomer Hatzair als Falke auf, beschäftigt man sich intensiv mit seiner eigenen Verbandsidentität. Leben Kinder im F-Zeltlager zwei Wochen in einer Gruppe, teilen, haben gemeinsam Spaß, nehmen Rücksicht aufeinander, lernen Falkenlieder, findet eine starke Identifikation mit den Falken (oder mit dem Falkenbild, das die Gruppenhelfer/innen vorleben) statt (Werteerziehung/ Bewusstseinsbildung/Mehr-werden-Aspekt). Zeltlager/IBs bilden oft auch das Selbstbewusstsein, Selbstständigkeit und Eigeninitiative werden gestärkt (Empowerment).
Für die Helfer/innen im Zeltlager findet eine lange Phase der Zeltlagervorbereitung statt. Dadurch, dass das Team sich um Platz, Essen, Anreise und vieles mehr kümmern muss, qualifiziert es sich selbst in der Vorbereitung von Maßnahmen. Eine gute Zeltlagervorbereitung enthält aber auch neben diesen „Abfallprodukten“ bewusste Bildungsangebote: Man beschäftigt sich mit sozialistischer Pädagogik, der ADHS-Problematik, der Geschichte des Gastlandes oder Rettungsschwimmen. Diese Angebote dienen meistens der Qualifizierung der Helfer/innen. Durch den langen Prozess und die Freundschaften, die sich in der Zeit und im Zeltlager oft bilden, werden aber auch grade junge Helfer/innen fester an den Verband gebunden.
• Andere Ferienangebote
Je nach konkretem Ferienangebot gilt mehr oder weniger dasselbe, was über Zeltlager und IBs gesagt wurde. Eine Segeltour auf dem holländischen Wattenmeer oder eine Kletterwoche im Elbsandsteingebirge sind einem Zeltlager im Bildungscharakter sicher ähnlich. Wohnortnahe Ferienmaßnahmen richten sich oft an Kinder (Nesti- und F-Alter) und es steht der Qualifikationsaspekt im Vordergrund – man lernt, ein Buch zu binden oder einen Film zu drehen.
• Kinder- und Jugendgruppen
Im Gegensatz zu den Arbeitskreisen treffen sich Gruppen nicht um eines bestimmten Themas willen. Zwar findet inhaltliche Arbeit statt, doch steht die (feste) Gruppe im Vordergrund, sucht sich selbst ihre Themen und bestimmt die angemessenen Arbeitsformen (Bewusstseinsbildung/Empowerment). Eine erfolgreiche Kinder- oder Jugendgruppe organisiert Falken. Direkte Integration von Menschen, die zum Verband vorher keinen Kontakt hatten, ist möglich, aber nicht das primäre Ziel von Gruppen. Oft sind Gruppen ab einem gewissen Punkt nicht mehr offen für neue Mitglieder.
Im Folgenden soll versucht werden, einen Rahmen für eine altersangemessene Bildungsarbeit bei den Falken zu stecken.
Bildungsarbeit mit Nestis (6-9 Jahre)
Bildungsarbeit mit Nestis betont die Qualifizierung und das Empowerment. Denkbar sind wohnortnahe Ferienmaßnahmen, in denen handwerkliche (Filzen, …) oder medien-pädagogische Angebote (Fotomemory basteln, …) stattfinden. Im Sommerzeltlager oder auf der Kinderwinterfreizeit lernen die Jüngsten, ohne ihre Eltern auszukommen, haben Erfolgserlebnisse. Dadurch findet eine Stärkung ihres Selbstbewusstseins und ihrer Persönlichkeit statt. Kindergruppen sind für jedes Alter sinnvoll, auch wenn die Angebote in einer Nesti-Gruppe altersspezifisch angelegt sein müssen. Der Verband muss dafür Sorge tragen, diese Kinder auch langfristig an den Verband zu binden, um die geleistete Gruppenarbeit im Zweifelsfall nicht verpuffen zu lassen.“
Bildungsarbeit mit Flern (10-12 Jahre)
Im Gegensatz zu der Arbeit mit Nestis sollte in der Arbeit mit Flern die Bewusstseinsbildung auch ein klares Bildungsziel sein. Zusätzlich zu wohnortnahen Ferienmaßnahmen mit altersangemessenen Angeboten (medienpädagogisch: Hörspiel machen, Knetmännchenfilme drehen, …; handwerklich: Buchbinden, mit Holz werken, …; erlebnispädagogisch: Klettern im Seilgarten, Kanufahren, …) und den Zeltlagern, die für Fler eine andere Funktion haben als für Nestis – sie erfahren Falkenwerte viel mehr – bieten sich weitere Bildungsformate an. Ist ein Kind durch Zeltlager oder Freunde auf die Falken aufmerksam geworden, kann eine Kindergruppe eine prägende Erfahrung werden. Hier werden Kinder zu Falken. Gruppe machen setzt aber Kinder im Falkenumfeld voraus! Ein Schwerpunkt in der Arbeit mit Fler kann auf dem Erleben von Abenteuern liegen: im Vorlesebuch, nachts im Zelt, beim Schalenausbrennen oder auf den Spuren von Castro und el Ché: Abenteuer lauern überall.
Bildungsarbeit mit RoFas (13-15 Jahre)
Die Arbeit mit und für RoFas wird im Bezirksverband seit Jahren vernachlässigt. RoFas brauchen eigene Bildungsangebote, die auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sind. Sie sind zu alt für das F-Zeltlager und oft zu jung für das SJ-Zeltlager. Ein Schwerpunkt für die Arbeit mit RoFas sollte im erlebnispädagogischen Bereich liegen. Regelmäßige Angebote wie Vertrauensspielsituationen, Niedrig- und Hochseilübungen, Klettern und Kanu fahren wären mit dem Knowhow der Falken anzubieten.
Das Ziel sollte eine regelmäßige, inhaltsgebundene Arbeit mit den RoFas sein, die qualifiziert (die RoFas lernen die Technik, die sie zum Klettern oder Kanu fahren brauchen), die Empowerment umsetzt (die RoFas erfahren, dass ihre Grenzen viel weiter sind, als sie er erwartet hätten) und die ganz nebenbei einen Falken-Umgang vermittelt und damit zu Falkenwerten erzieht. In diesem Zusammenhang brauchen die RoFas auch eigenen Ferienangebote (Segeln auf dem holländischen Wattenmeer, Kletterwoche im Elbsandsteingebirge, …).
Alle Arbeit mit RoFas muss darauf zielen, dass die Jugendlichen nach zwei oder drei Jahren selbst Verantwortung für Aktivitäten übernehmen. Das gilt zunächst für sie selbst und ihre Gruppe. In einem zweiten Schritt kann Verantwortung für andere Teile des Verbands übernommen werden, beispielsweise, indem man mit sechzehn Jahren Vertrauensspiele oder Niedrigseilelemente für die älteren Fler und jungen RoFas anbietet. In diesem Zusammenhang ist eine Teamquali für etwa 16-jährigen eine zentrale Maßnahme: Sie gibt den Jugendlichen das Handwerkszeug und das Selbstbewusstsein, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Um mehr zu werden, könnte es in der RoFa-Altersgruppe attraktiv sein, das erlebnispädagogische Knowhow gezielt Schulen anzubieten und mit ihnen zu kooperieren.
Bildungsarbeit mit SJlern (16-18 Jahre)
Für die Bildungsarbeit mit SJlern existieren im Verband zahlreiche Konzepte. Das klassische Seminar ist eine Form der Bildung, die sich an Jugendliche ab dem SJ-Alter richtet. Das Themenspektrum kann Theorieseminare (Löwenstein, Globalisierung, …), praktische Qualifizierung (Rhetorik, Layout, …), outdoor- und zeltlagergebundene Qualifizierung (Handwerkliches, Erlebnispädagogik lernen, …) bis zu kulturellen Themen (Esskultur, Theater, …) umfassen. Eine regelmäßige Seminararbeit mit Themen von allgemeinem Interesse bildet Falken und ist attraktiv für (Noch-)Nicht-Falken. Das Bildungsangebot der Bundesebene sollte in diesem Zusammenhang stärker genutzt werden.
Die SJ-Gruppe ist der Ort, an dem Jugendliche ihren Bedürfnissen entsprechend ihren Bildungsprozess selbst in die Hand nehmen. Sie setzen Inhalte selbst, wählen die Form. Sie erkennen ihre Interessen und lernen sie zu vertreten. Nach Innen und Außen treten sie politisch auf und bilden das kritische Potential zur Weiterentwicklung des Verbandes.
Ebenso wichtig sind die Arbeitskreise für die Bildungsarbeit bei den Falken. Der Kreis der Jugendlichen in den Arbeitskreisen, Gruppen und dem F-Zeltlagerteam ist der harte Kern der aktiven SJler. Arbeitskreise sind attraktiv: Man trifft seine Freund/innen, arbeitet an einem Thema, das einen interessiert, und in den internationalen AKs arbeitet man hin auf eine IB.
Die internationalen Begegnungen können und sollen dann zu den Höhepunkten im Falkenjahr eines SJlers werden. Man investiert im Vorfeld Arbeit und erhält dafür die Möglichkeit günstig ins Ausland zu reisen. Durch das Treffen mit Jugendlichen aus anderen Jugendverbänden schärft man seine eigene Verbandsidentifikation und -identität. Auch das SJ-Zeltlager ist so ein Höhepunkt. Ferien in Falkenatmosphäre, dazu ein inhaltlicher Anspruch sind eine gute Mischung. Selbstorganisation und solidarität wird hier direkt erfahrbar.
Die SJler, die Lust auf Kinder haben, können als Helfer/innen mit ins F-Zeltlager fahren. Sie können nach ihrer Teamquali ihre Fähigkeiten als Gruppenleiter/innen ausprobieren, erfahren Solidarität im Team und leben Falkenwerte vor. Dadurch beschäftigen sie sich intensiv mit dem Falke-Sein.
Unter dem Mehr-werden-Aspekt ist es attraktiv Bildungsarbeit für das SJ-Alter an Schulen anzubieten. Es ist aber darauf zu achten, dass man mit Falkenthemen und nicht als Dienstleister an Schulen auftritt.
Neben den genannten inhaltlichen Schwerpunkten könnte ein zusätzlicher auf der kulturpädagogischen Arbeit liegen. Mit Falkenknowhow sind in den letzten Jahren zwei Theaterstücke und ein großes Theaterprojekt an der IGS Roderbruch entstanden. Poetry Slam fand auf der Teamquali und im SJ-Zeltlager statt. Solche Projekte dienen dem Empowerment – SJler entdecken ihre Fähigkeiten, steigern damit ihre Autonomie –, aber auch der Bewusstseinsbildung: Setzt man sich in einem gesellschaftskritischen Theaterstück mit der Welt auseinander, in der wir leben, stellt man schnell fest, wo Veränderung nötig ist.
18+
Der Platz der Älteren im Verband ist dem der SJler ähnlich. Allerdings können Bildungsangebote nicht mehr für sie organisiert werden, sondern ihre Aufgabe ist es, sich selbst Angebote zu schaffen. Diese sollten bevorzugt auch für das SJ-Alter attraktiv sein. Seminare sollten normalerweise so geplant sein, dass 16-jährige daran teilnehmen können, auch wenn die eigentliche Zielgruppe Falken Anfang zwanzig sind.
In den Arbeitskreisen und dem F-Zeltlagerteam können die Älteren ihre Erfahrung einbringen, koordinierende Funktion übernehmen. Die internationalen Begegnungen sind auch für Falken jenseits des SJ-Alters offen. Das SJ-Team setzt sich typischerweise nur aus Falken jenseits der achtzehn zusammen.







